Daniel Büttrich: Im Niemandsland

Eine Kurzgeschichte von Daniel Büttrich:
„Würden Sie mich bitte vorbei lassen, junger Mann?“ Jemand zwickte ihn leicht am Rücken. Er erschrak. Drehte sich um. Nickte. Trat einen Schritt zur Seite. Die ältere Dame schob wortlos ihren Gehwagen an ihm vorbei. Er machte sich dünn. Dabei stieß er an das Lebensmittelregal. Eine Packung Taschentücher fiel herunter, er hob sie auf, stellte sie zurück. Blickte auf Wasch- und Spülmittel. Schwer war sein Kopf. Jede Bewegung schmerzte ihn. Er war hergekommen, weil er es in der Turnhalle nicht mehr ausgehalten hatte. Aber auch hier fühlte er sich jämmerlich. Am erträglichsten war es, nach einem Lauf durch den Ort mit Amar erschöpft einzuschlafen. Er zog das Liegen dem Stehen und Gehen vor. Liegend konnte er am besten vergessen. Vergessen. Es gab so viel zu vergessen. Er lief ein paar Schritte, zur Kühltheke. Nahm einen Ayran und einen Fruchtsaft und bezahlte an der Kasse.
Abweisend erschien ihm der Ort nach Einbruch der Dunkelheit. Er ging „nach Hause“. Die Lichter des örtlichen Kinos und davor stehende, rauchende Gestalten mit Kapuzen sah er aus dem Augenwinkel. Er blickte auf den Fußweg, um die Unebenheiten vorherzusehen, und zählte seine Schritte – auf Deutsch. „Eins, zwei, drei, vier….“ An der Kreuzung blieb er stehen. Er fühlte sich unsicher, als er die Straße überquerte. Obwohl kein Auto in Sicht war, wimmelte es in seinen Gedanken von Phantom-Fahrzeugen. Er blieb einen Moment stehen, um eines vorbei zu lassen. Als ein Fahrradfahrer klingelte, während er ihn überholte, dachte er zunächst, es sei ein ihm unbekannter Klingelton seines Handys.

Es begann stärker zu regnen. Er zog seine Mütze tiefer ins Gesicht. Er spürte seine Beine, als er sich die Steigung vor der Kurve hoch schleppte. In den letzten Tagen hatte er sich fast nicht bewegt. Amar war er kaum begegnet, und alleine zu laufen traute er sich nicht. Sein Puls raste, als er die Unterkunft erreichte. „Hallo!“ Am Eingang der Turnhalle grüßte ihn freundlich der Wachmann. „Hallo“, sagte er, kaum hörbar.

„Ana hebbek. Ich liebe dich.“ Einen Augenblick hatte er das Gefühl, sie sei da, ganz nah bei ihm. Aber sie war nicht da. Er hatte sie verloren. Ob er sie je wiedersehen würde? Er glaubte nicht mehr daran. Seine Stadt, sein Viertel, seine Familie, seine Nachbarn. Das war eine andere Welt, die untergegangen war. Kurz erschien ihr Gesicht in seiner Phantasie. Ihr wunderschönes Gesicht, als es noch unversehrt war. Ihr Lächeln, das nur ihm gegolten hatte. Er hatte diese Welt verlassen. Weil er sonst wahnsinnig geworden wäre. Als die Menschen um ihn herum wie die Fliegen starben, als seine Liebe vor seinen Augen entstellt wurde, als ihm das Herz aus dem Leib gerissen wurde, verschlang ihn die Wut. Er suchte jene auf, die er früher gemieden hatte. Jene, mit denen er die zerstörerische Wut teilte. Die Kinder spielten weiter in den Trümmern der Ruinen. Sie spielten Krieg, sie kannten sonst nichts. Die Geschichten, die ihm Eltern, Großvater, Nachbarn und Freunde erzählt hatten, wurden zu Grabe getragen. Die Geschichten seiner Heimat waren zu einer einzigen, düsteren Erzählung geworden. Mit Blut geschrieben. Alte Erzähler des Orients, vor deren Häusern sich Kinder mit staunenden Mündern scharten, weise großzügige Menschen, wie sein Großvater es gewesen war, starben aus. Er konnte nicht einfach zusehen, wie sein vertrautes Leben ausgelöscht wurde. Er übte Rache. Dann floh er. Er wollte lebendig bleiben.

„Willst du eine?“ Samir reichte ihm eine Zigarette. Er nickte zum Dank. Gemeinsam rauchen ist eine Form der Verbrüderung, dachte er. Aber was heißt das schon, Verbrüderung? Für ihn hieß es, mit Leidensgenossen zu rauchen und zu schweigen. Er zog es vor zu schweigen. Er fühlte sich schuldig. Wozu reden?, dachte er. Worte sind endgültig, oft verletzend, sie ziehen weitere Worte nach sich. Nein, er wollte keine weiteren Worte, keine weitere Schuld. „Kannst du schlafen?“, fragte Samir. „In letzter Zeit schlecht“, antwortete er. „Ich lese manchmal im Koran, das beruhigt mich.“ Er sagte nichts. Seine kleine schwarze Koranausgabe hatte er aus Syrien mitgenommen. Sie bedeutete ihm viel. Hin und wieder las er eine Sure. Beruhigen konnte ihn das nicht. Sprache war ihm fremd geworden. Sie erreichte ihn nicht mehr. Sein Kopf spielte seine eigenen Filme ab. Sie ließen sich weder anhalten noch löschen.

Freitagnachmittag. Er hatte zum dritten Mal Deutschunterricht gehabt. Erschöpft legte er sich auf sein Bett. Kopfweh. Er war das Lernen nicht mehr gewohnt. Hausaufgaben würde er morgen machen. Heute muss ich mich ausruhen, dachte er. „Hallo! Hallo, alle miteinander!“ Die Helfer strömten in die Turnhalle. Sie verteilten Kleidung. Er erkannte die kräftige Frau mit der großen Brille, die sich auch um seine Angelegenheiten gekümmert hatte. Ihren Namen konnte er sich nicht merken. „Wer Kleidung braucht, kommt bitte hierher! Einer nach dem Andern! Zuerst die Familien! Zuerst Mütter mit Kindern!“ Er schloss die Augen. Er wollte nichts geschenkt haben. Warten. Herumhängen. Sich herumkommandieren lassen. Wie fremd er sich in dieser Wirklichkeit fühlte! Sie verstärkte nur seine tief sitzende Trauer. Es gab keine andere Zukunft, außer die Sprache zu lernen, um arbeiten zu können. Arbeit hilft, um zu vergessen. Er würde sonst den Kampf gegen die inneren Dämonen und die Sinnlosigkeit verlieren.

Samir schüttelte ihn sanft. „Hey Bruder, wach auf! Bist du eingeschlafen? Wir gehen in die Moschee! Magst du mitkommen?“ „Ehhmmm?“ Er streckte sich. Sah auf die Uhr. „Ja, ich bin für ein paar Minuten eingedöst. Wer geht noch?“ Samir drehte sich um und zeigte auf eine Gruppe von jungen Männern, die am Eingang standen und sich unterhielten. „In Ordnung!“ Schlaftrunken folgte er Samir. Plötzlich blieb er stehen. „Warte mal, Samir! Ich komme gleich nach. Geht schon einmal vor. Ich habe etwas vergessen!“ Er spurtete zurück in die Halle, zu seinem Schlafplatz. Unter dem Bett holte er seinen kleinen schwarzen Koran hervor. Er klappte ihn auf und sah auf das Foto, das er aufgeklebt hatte. „Für dich“, sagte er leise, während eine Träne über seine Wange kullerte.

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