Rezension zu „Das musst du erzählen“ Erinnerungen an Willy Brandt, von Egon Bahr

Als ihn sein Sohn Lars am Sterbebett nach seinen Freunden fragt, antwortet Willy Brandt: „Egon“.
Willy Brandt und Egon Bahr waren nicht nur ein über Jahrzehnte eingespieltes politisches Tandem, sondern auch gute Freunde.
In diesem Buch zeichnet Bahr ein Bild des politischen und privaten Menschen Willy Brandt nach.

Egon Bahr war unmittelbar nach dem Krieg als Journalist für den RIAS tätig, als er den Weg Brandts kreuzte und von seinem späteren „Freund“ gefragt wurde, ob er sich den Posten des Senatssprechers in Berlin zutraue. So begann das sozialdemokratische Wirken Bahrs an der Seite des damaligen Berliner Bürgermeisters. Bereits zur Zeit des Berliner Mauerbaus einigten sich die beiden auf die groben Linien einer Entspannungspolitik mit Osteuropa, die auf eine friedliche Koexistenz abzielte.
Als die SPD schließlich die Regierungsverantwortung übernahm, wurde Brandt Bundeskanzler und Bahr Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Die sogenannte Geheimdiplomatie ebnete den Weg für eine Reihe von Abkommen und Übereinkünften mit den Staaten des Warschauer Pakts und zwischen den Westmächten und der Sowjetunion, die ihren Anteil an einer Entwicklung hatten, die schließlich in der Wiedervereinigung Deutschlands und im Zusammenfall der sozialistischen Staaten des Ostblocks mündete.

Wer an der deutschen Nachkriegsgeschichte interessiert ist, wird dieses Buch als spannend erleben und sich die Geschehnisse vom Berliner Mauerbau über den Warschauer Vertrag, den Grundlagenvertrag mit der DDR, den Moskauer Vertrag, das Viermächteabkommen zu Berlin, der schwierigen Beziehung zwischen Brandt und Wehner, der Guillaume-Affäre, bis zum Verhältnis zwischen Brandt und Helmut Schmidt in Erinnerung rufen. Daneben fallen Namen wie Falin, Kossygin, Gromyko, Kennedy, Kissinger, Nixon und die weiterer Protagonisten, Verhandlungspartner der offiziellen und der inoffiziellen Ebene. Die Vielzahl an Namen verdeutlicht, wie komplex und kompliziert die Verhandlungen um Frieden und Entschärfung seinerzeit waren. Zeitweise wähnt sich der Leser in einem Agentenkrimi.

Es wird deutlich, wie sehr Brandt durch Weitsicht und Fingerspitzengefühl im Wissen um die besondere Rolle Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg zum Gelingen der sogenannten Ostpolitik beitrug.

Was für mich dieses Buch jedoch greifbar und nahbar macht, sind die Schilderungen von Brandt als privater Mensch. Zum Beispiel seine warmherzige Seite: Egon Bahr verhandelte mit dem Chefunterhändler der DDR, Michael Kohl, in Bonn, als er erfuhr, dass Willy Brandt der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde. Er eilte ins Kanzleramt, wo Willy Brandt seinen „Freund“ umarmte und sagte: „An dem Preis hast du deinen Anteil. Du musst nach Oslo mitkommen.“ So kraftvoll und entschlossen Brandt in entscheidenden Momenten der deutschen Geschichte auftrat, so erschöpft und ausgezehrt wirkte er manchmal in den nicht-öffentlichen Stunden und Tagen, in denen Anspannung und Last abfielen.

„Er hatte mehr Intuition im Hintern als andere im Kopf“, so Bahr über Brandt.
Sein Charisma und sein bescheidener Stolz – den Grabstein ziert der Spruch „Man hat sich bemüht“ – entsprangen auch seiner Herkunft und seinem von Rückschlägen und Demütigungen geprägten Lebensweg. Willy Brandt übernahm aus Überzeugung Verantwortung für sein Land und wuchs in die politischen Ämter hinein. Verglichen mit heutigen politischen Lebenslinien ist Brandts Laufbahn von außergewöhnlich viel Idealismus beseelt.

Egon Bahr zeichnet diesen vielschichtigen Charakter nach, ohne ihn zu glorifizieren.

In seinem Buch „Links und frei“ hat Willy Brandt seine Metamorphose vom linken Sozialisten zum Sozialdemokraten beschrieben. Am Schluss des Vorworts von 1982 schreibt er: „Ein nächstes Mal dürfte es unvergleichlich schlimmer werden. Es gibt nichts Wichtigeres als dies: einen dritten Weltkrieg verhindern zu helfen.“
Frieden, Verständnis, Aussöhnung, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, zwischen Völkern, zwischen Menschen, große Themen, die in Brandts Vorwort mahnend und appellierend aufleuchten. Von diesem Überbau ließen sich Brandt und Bahr in ihrer Ostpolitik leiten. Heute sind ihre politischen Inhalte und Überzeugungen aktueller denn je.

von Daniel Büttrich (stellvertretender Vorsitzender SPD Gilching)

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